Vertrauen

Sobald ich beginne, über das Thema Vertrauen nachzudenken, werden mir verschiedene Ebenen dazu bewusst.

Ich überlege, ob ich mir nicht ein paar philosophische Abhandlungen kaufen müsste, um mich erstmal einzuarbeiten. All die Streitschriften und Streitgespräche und Streitpunkte dazu, ob man nun vertrauen sollte oder nicht, und wenn ja, wann, und wem auf keinen Fall. Während ich um Überblick ringe, fällt mir, du liebe Güte, meine eigene Geschichte all der verletzten Versuche ein, zu vertrauen, zumal mir schon morgen ein Flugzeug auf den Kopf fallen kann, und ein, zwei Gedanken weiter bin ich mit dem ganzen Thema aber so was von fertig. To trust or not to trust? Die Antwort ist klar. Willkommen in der Wirklichkeit, Baby.

Da kommen wir her. Was das Vertrauen betrifft, leben wir einen schiefen Kompromiss zwischen einem sehnsüchtigen Körper, einem verletzten Herzen und einem bitterlich-zynischen Kopf. Unterm Strich erfahren wir dadurch weit weniger Vertrauen, als uns zusteht. Ja, es gibt sie, die Menschen, denen wir vertrauen, es gibt auch die Sternstunden, in denen wir die Panzer der Angst ablegen können, aber ab morgen bezahlen wir für diese Ausnahmen dann wieder mit der täglichen Währung, auf sich allein gestellt zu sein.

Unser Ringen um Balance in dieser Weise geht nicht auf. Denn die Suche nach Vertrauen ist – all unseren Verletzungen zum Trotz - unser körperliches Schicksal. Über Vertrauen kann man nachdenken oder es lassen, man kann sich darin verheddern oder auch nicht, aber man kann nicht aufhören, es zu ersehnen, es zu suchen und es zu wollen. Bis sie sterben, werden unsere Körper nicht müde, in die vertraute, vertrauensvolle, vertrauenswürdige Verbindung miteinander zu streben. Ohne das Moment von Vertrauen ist Veränderung und Heilung in unseren Nervensystemen nicht wirklich möglich, unser Lebensweg bleibt fragmentiert und hungrig. Wir müssen nicht allem und allen vertrauen, bei weitem nicht. Aber vertrauen zu können ist lebenswichtig.

Wenn wir das Thema Vertrauen in einer Gruppe von Menschen einladen, dann begegnen wir vordergründig seinem gefürchteten Gegenteil: unserem Misstrauen. Nach einer seltsamen Formel von Naturgesetz brauchen wir nur das Vertrauen zu suchen - schon wird uns unser Misstrauen bewusster. Ich glaube, das ist einer der Gründe, weshalb wir uns scheuen, offensiv und mutig Vertrauen zu fordern. Da sitzen wir, im Date, in der Beziehung, in der Frauengruppe, und wissen soviel über uns selbst, fühlen uns doch schon so wohl, wollen wirklich endlich vertrauen… und ausgerechnet jetzt stampft unüberhörbar eine misstrauische Stimme in uns auf und macht das ganze schöne Projekt kaputt. Wir sind empört und hilflos, sprechen uns das Recht auf solcherlei Regungen ab, wir beginnen vorsorglich, uns dafür zu schämen und zu entschuldigen. Wir tun, worin wir Frauen unübertroffen sind – den Fehler für alle Störfrequenzen dieser Welt bei uns selbst zu suchen. „Es zu mir zu nehmen“ heißt das dann, wenn man eine entsprechende Schule der Therapie hinter sich gebracht hat.

Ich hingegen finde Misstrauen ja besser als seinen Ruf. Es zeigt an, dass seine Besitzerin intelligent genug ist, um nicht jeden Bluff kaufen zu wollen. Dass sie ihr Leben und diese Welt bisher immerhin nicht verschlafen hat. Misstrauen ist eine Geste, auf sich selbst gut aufzupassen. Misstrauen ist loyal mit sich selbst, und sucht - Ketzerei! - den Fehler im Außen. Das finde ich persönlich gar nicht so verkehrt. Wenn man sich umschaut, verhält sich der Homo Sapiens dümmer als jedes Tier. Ja, der Mensch sucht zwar nach dem Vertrauen, tut aber täglich alles, um es nicht zu finden. Er wütet gegen seinen Lebensraum, er bekämpft seine Gefühle und er vermurkst seine eigenen Kinder. Er versucht zu lieben, aber morgen schon verkauft er für die nächste Meinung seine Mutter. Der Mensch ist ein gefährlich verwirrtes Tier. Ein seltsames Wesen, das sich auf so absurde Weise in sich selbst verlaufen hat, dass es tatsächlich kein blindes Vertrauen verdient.

Einfaches echtes Vertrauen ist beim Menschen deshalb so unbekannt, weil wir es nicht ersetzen können, nicht manipulieren, herbeireden oder erkaufen. Nicht kontrollieren und nicht festhalten. Ich kann es nicht bestechen. Es wird mir nicht häufiger geschenkt, weil ich reich bin oder jung oder schön. Es wird mir nicht zuteil, weil ich geistig gesund bin, talentiert oder erfolgreich. Es wird mir geschenkt. Ich schenke es. Vertrauen ist nicht mental, nicht rational, nicht vernünftig. Vertrauen ist körperlich. Die wahren, wirklichen Profis für Vertrauen sind unsere Körper. Unsere Körper sehnen sich gegenseitig hinein in einen tieferen Kontakt, und in diese Tiefen nehmen sie uns gerne mit.

Wirkliches Vertrauen also sollten wir miteinander - voneinander - durcheinander lernen dürfen. Unsere Frauengruppen kreisen um dieses weiche Dürfen. Spüren dürfen und staunen dürfen. Uns den eigenen Körpern zuwenden. Uns selbst schuldlos ernstnehmen. Hier versammeln wir uns, um zuzuhören. Wir fließen durch alle Facetten von Körperarbeit und Austausch, wir tanzen und toben, wir arbeiten und wollen, und wir ruhen und lauschen. Einem Vertrauen, das ohne Erklärung, Grund und Zeit beginnt aufzutauchen. Das wie ein zartes Band einen Abend durchweben und gestalten wird. Das in wechselnden Gewändern mal mir selbst gilt, mal meiner Nachbarin, plötzlich meiner Konkurrentin und aus Versehen sogar dem ganzen Leben.

©Ilan Stephani
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