Schuldgefühle loslassen

In fragwürdiger und in sinnfreier Energieverschwendung sind wir Menschen ja Profis.

Aber als wir das Schuldgefühl erfanden, haben wir uns darin tatsächlich selbst übertroffen. Und mit Schuldgefühl meine ich hier nicht „die Schuld als solche“. Ich meine nicht einen philosophisch-tapferen Diskurs darüber, wieviel die Schuld wiegt für das Steak auf meinem Teller. Wer schuld ist an dem Elend auf der Welt. Und so weiter. - Das meine ich nicht. Was ich meine und was den Menschen von Tieren unterscheidet, die noch recht bei Vernunft geblieben sind, das ist das Schuldgefühl. Jene komische dunkle Wolke, von der ich nicht weiß, wo sie plötzlich herkommt, und die aber eines kann, und das todsicher: mir mein Erleben versauen. Es mir wegnehmen, es mindestens trüben, vernebeln und belasten.

Der erste große Bluff unserer Schuldgefühle ist, dass sie mit einem wahnsinnig aufgeblasenen Inhalt daherkommen. Dass sie mir einreden, es hinge mein Leben davon ab, von diesem oder jenem Zusammenhang die Finger zu lassen. In Wahrheit sind der Inhalt und die Begründung, mit denen mein Schuldgefühl mich niedermäht, vollkommen beliebig, austauschbar, gleichgültig. Unseren Schuldgefühlen ist sozusagen nicht wichtig, dass wir uns fürs Lügen oder Versagen schämen, sondern ihnen ist wichtig, dass wir uns schämen.

Schuldgefühle funktionieren kollektiv genauso gut wie individuell. Beide Varianten haben wir Frauen gut und gründlich verinnerlicht. Wenn man sich dem Thema körpertherapeutisch widmet, wird deutlich, wie sehr uns die Fata Morgana des Schuldgefühls in Fleisch und Blut gekrochen ist. Bei bestimmten Themen erstarren alle – das sind die kollektiven No-Gos. Man braucht nur lange genug den Trigger suchen, dann knicken wir alle ein, und zwar als eine geschlossene Horde von Lemmingen, die Hals über Kopf die eigene Lebendigkeit in den Abgrund kippt. (Frei nach dem Motto: „Nur über meine Leiche.“) Alles erscheint uns in diesen Momenten besser als der Eindruck, derart schuldig und schlecht zu sein…

Individuell verhält es sich mit dem Schuldgefühl wie mit der Eifersucht: Nicht alle springen auf denselben Punkt an. Meine Nachbarin mag vor Scham zusammenbrechen, ich hingegen führe Aktion X aus, ohne mit der Wimper zu zucken. Umgekehrt kollabiere ich bereits beim Gedanken daran, mutwillig einen Termin zu verpassen, aber meine Freundin findet Zuverlässigkeit viel zu öde, um sich ihr zu unterwerfen.

Wenn wir uns unsere Schuldgefühle genauer anschauen, bemerken wir ihren zweiten großen Bluff: Es sind gar keine Gefühle. Es sind Gedanken. Es sind mentale Bewegungen in unserem Kopf, nichts weiter. Ausgedachte Hirngespinste. Wenn auch mit einer energetischen Wucht, als seien sie mächtiger als eine Lawine und schneller als ein Stromschlag.

Wenn Schuldgefühle also eigentlich fanatische Schuldgedanken sind - was sind dann die echten Gefühle, die wir vermeiden, wenn wir uns in unseren Schuldgefühlen verheddern? Wir verdächtigen uns der Klassiker: dass wir Angst vermeiden oder unterdrückte Wut, dass wir Trauer vermeiden oder Scham… Falsch. Durch unsere Schuldgefühle vermeiden wir Genuss. Wir vermeiden Freude, Lebendigkeit und pure Lebensenergie. Schuld hindert uns am Lusthaben, Scham versaut uns Glück, wir verpassen Einfachheit. Schuldgefühle sind widernatürlich. Sie sind eine menschliche Erfindung, durch die sich unsere hochgepriesene Intelligenz selbst erschlägt. Sie sind und bleiben eine unkörperliche, brutale, feindselige Konstruktion, ohne die es auf diesem Planeten weit lustvoller und friedlicher und liebender zuginge als derzeit. Ich behaupte, dass „das Schuldgefühl“ eine kollektive Sucht ist, die jeder anderen Form von Geisteskrankheit in nichts nachsteht (man belese sich mal über das psychiatrische Störungsbild „Schuldwahn“. Geht mir schwersten Depressionen einher und hat eine hohe Selbstmordrate. Wirkt in den Gedankengängen der Patienten aber eigentlich nur wie die Potenz von unserem komplett normalen Wahnsinn.)

Ron Smothermon, der in seinem „Drehbuch für Meisterschaft im Leben“ dem Problem der menschlichen Schuldgefühle beikommen wollte, warf das Projekt schließlich entnervt über den Haufen und stellte fest: „Wofür auch immer Sie sich schuldig fühlen – es zeigt an, dass Sie es wieder tun möchten.“ Und das ist der dritte große Bluff unserer Schuldgefühle: Schuldgefühle sind nicht die Energie für Veränderung, sondern für heimliche und ewige Wiederholung. Mein Schuldgefühl will mich nicht in der Freiheit, sondern in der Falle.

Mein Schuldgefühl hat zwei Gesichter: der Welt und meinem eigenen Bewusstsein erzählt die Schuld: „Ich bin da, weil du motiviert bist, dich zu bessern. Ich bin da, damit du es nicht wieder tust. Ich bin die Energie, durch die du dich entwickeln und verändern kannst.“ Aber das stimmt nicht. In Wahrheit lautet die Rechnung meines Schuldgefühls so: „Ich bleibe jetzt so lange da und bin so stark, dass das, was du getan hast/gedacht hast/gewollt hast, ausgeglichen ist. UND DANN KANNST DU ES WIEDER TUN.“ – Was auch immer es ist, das bei mir ein Schuldgefühl auslöst: ein Teil von mir will es offenbar tun. Sonst hätte ich nicht in ein Schuldgefühl investiert. Und ich werde es wieder tun (wollen). Sonst hätte ich nicht in ein Schuldgefühl investiert.

Einen einzigen Vorteil hat die Schuld: von ihr aus geht es nur noch bergauf. Im Schuldgefühl zu sitzen ist der Tiefpunkt. Genauso wie man vom Südpol aus immer nur nach Norden marschieren kann, so kann es vom Schuld- und Schamkomplex aus nur besser werden. Sich vom Schuldgefühl aus zur Wut hinzubewegen, ist ein Fortschritt. Zu kotzen vor Ekel: immerhin nicht vor Schuld. Alles, alles, absolut jede Motivation ist besser, als dem eigenen Schuldgefühl zu gehorchen. Aus Hass und Rache zu handeln ist weit lebendiger (und liebevoller!), als dem Schuldgefühl zu gehorchen (und es grimmig abzustreiten, gehorcht ihm auch…). Was immer wir unserem Schuldgefühl an Raum abtrotzen können, das sollten wir nutzen. Denn Schuldgefühle meinen es ernst. Sie wollen unsere Leiche. Und wir bezahlen sie täglich mit einem Stück davon.

Nun ist auch klar, weshalb wir uns wegen unserer Muster und Laster so unendlich beschissen fühlen können – und sie sich dennoch nicht ändern lassen. Schuldgefühle machen uns nicht zu besseren Menschen, sie bringen uns nichts bei, sie lieben uns nicht und sie meinen es nicht gut mit uns. Wie gehen wir damit um? Im Dienste unserer Transformation sollten wir schleunigst aufhören, uns für das Noch-nicht-Transformierte schuldig zu fühlen. Wir sollten lasterhaft und unerlöst weitermachen wie zuvor, nach Herzenslust, und kein Gramm Energie in ein Schuldgefühl investieren. (Die Chancen einer spontanen lustvollen Änderung steigen dadurch um 100%.) Dieses Projekt ist so selten, so seltsam und so schön, dass wir es so manches Mal kaum glauben können. Wir werden uns mutig an Hannah Arendt halten, eine Frau, die sehr gründlich über diese Welt nachgedacht hat und zu dem Ergebnis kam: „Niemand hat das Recht zu gehorchen.“ In diesem Sinne nehmen wir uns an den Händen, atmen tief und gehen durch das Ungeheuer hindurch. Wie gesagt: Es ist nur ein Bluff.

©Ilan Stephani
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