On Pride

STOLZ auf sich zu sein ist ja so eine Sache. Zuerst finden wir dafür jahrelang keinen Grund.

Dann dämmert uns die ersten kleinlauten Male, dass wir insgesamt schon ziemlich viel geleistet haben - dass wir uns suchen, weil wir uns verflucht nochmal finden wollen – dass wir es nicht ungenutzt lassen wollen, dieses kurze Leben, auch wenn man es um uns herum vielleicht wegwirft - dass wir uns mit all dem tagtäglich durch eine Welt navigieren, die ganz offiziell als der echte Wahnsinn analysiert wird. All das sind Bewegungen in unsere eigene weite Freiheit hinein, um die wir so lang schon gekämpft haben. Wir könnten stolz auf uns sein. Wir sind kurz davor, stolz auf uns zu sein.

Genau jetzt geschieht folgendes: Wir denken nochmal drüber nach und finden raus, dass Stolz auch keine Lösung ist. Schließlich ist Stolz nur die Kehrseite von SCHAM, Stolz verdeckt Scham, Stolz ist Maske, und Maske ist schlecht. „Stolz“, so befinden wir, sei irgendwie nicht der richtige Ausdruck. Stolz klingt so, als hätte ich meinen Erfolg nur mir zu verdanken. Aber er sei vielmehr ein Geflecht aus Zufällen, Mitmenschen, Unterstützung, Gelegenheiten und ein bisschen Glück… und so ziehen wir es vor, für das Große und Tolle in unserem eigenen Leben DANKBAR zu sein.

Diese Dankbarkeit, die ja so tut, als sei sie voll von Einsicht, verschweigt uns ihren faulen Kern: Sie sieht uns nicht. Sie hat gar keine Augen. Unsere Weisheit ist nichts Anderes und nichts Besseres als ein blindes Ablenkungsmanöver. In Wahrheit wär einfach jedes Argument uns recht, um uns nicht selbst anerkennen zu müssen. Wir großartig Emanzipierten – wir dürfen zwar groß sein, aber wir dürfen es nicht erleben. Wir dürfen leisten und wir dürfen siegen, aber wir dürfen es nicht empfinden. Und so enden wir. Weich, weise und dankbar.

Darunter, verschont davon, aufzufliegen, gedeckt von unserem heiligen Bemühen, überlebt und wuchert in uns die Idee, wir hätten es besser machen können. Quält uns die SCHAM. *

*(Ich will dazu mal was sagen: SCHAM ist ein ganz gemeines Gebot und sie produziert nur Verliererinnen, wohin man auch schaut, und ich finde, wir sollten sie abschaffen. Sie taugt einfach zu gar nichts. Manche sagen, Scham sei eine schlechte Angewohnheit, aber ich finde, dass sie sogar eine sehr schlechte Angewohnheit ist. Sie macht uns vorsichtig und mundtot, sie macht uns einsam und müde, und am Ende des Tages suchen wir die Fehler bei uns selbst. Scham macht einfach überhaupt keinen Spaß.)

Wir tun in unserem Bemühen, uns mit Scham und Ermahnungen selbst zu erziehen, ja direkt so, als hätte es bisher an Geboten gemangelt. Verbesserungsvorschläge bombardieren uns aber bereits, seitdem wir auf der Welt sind. Wenn uns diese Ratschläge helfen würden, sollte man meinen, dass sie es schon getan hätten.

Seitdem uns die fundamentale Anerkennung als Baby, Körper, Kind, als Mensch versagt wurde, hinken wir durchs Leben und behandeln uns zuvorkommend wie Dreck. Aber ja: Ohne mit der Wimper zu zucken, buchen wir Tantra-Seminare und lassen uns dort erzählen, wir wären alle Göttinnen, wir bringen zustande, dabei zu nicken, aber meine alltägliche Grundscham als feige, faul und manipulativ, die nimmt mir keiner weg.

Wir heilen all diese Scham nicht, indem wir ihr lauschen. Wir heilen sie auch nicht, indem wir vor ihr knien. Wir heilen durch Stolz. Wir heilen, indem wir Frauen um uns versammeln, die uns bestärken und vorleben und anfeuern und die mit uns kämpfen und toben und tanzen – wir heilen, indem wir das Gegenteil üben: klaren, unmissverständlichen Stolz.

STOLZ ist sehr viel ehrlicher, als die gepriesene Dankbarkeit, unser spiritueller Therapieschaden, uns erzählt. Stolz ist nicht bequem, sondern unbequem. Stolz auf sich zu sein ist nicht feige, sondern mutig. Ist nicht böse, sondern tapfer. Ist keine Falle, sondern Freiheit.

„Aber“, zetern unsere Köpfe, während sie sich die Haare raufen, „ich kann nicht einfach so tun, als sei mit mir alles in Ordnung! Ich will die Wahrheit sagen! Die ganze, die nackte wahre Wahrheit!“ – Ja, Schwester, wenn du wirklich die Wahrheit sagen würdest, dann würdest du so einiges anders machen als derzeit, nicht wahr?

Du würdest aufhören zu beichten, du würdest aufhören, gegen dein Kämpfen anzukämpfen, du würdest niemandem mehr von deinen Fehlern erzählen. Stattdessen: Du würdest dich mir gegenüber hinsetzen und sagen, dass du alles tust, was du kannst. Dass dir nicht klar ist, warum so viele Frauen soviel besser zurechtkommen. Dass du absolut keinen guten Grund dafür findest.

Ich wage zu behaupten: Wenn du wirklich ehrlich wärest, dann würdest du mir sagen, wie sehr du dir Mühe gibst. Dass du es wirklich oft wirklich schwierig findest, aber dass du dein Bestes gibst, um in diesem Leben aufzutauchen. - Das würdest du mir sagen, und ich würde deinem Körper dabei ansehen, dass es ihm ernst, sehr ernst damit ist. Das wäre deine Wahrheit. Keine Scham und kein Grund zur Scham sind mehr übrig. Du sprichst von dir und in deinem stolzen und zärtlichen Blick auf dich selbst schenkst du dir das, wonach sich alle so sehnen: gesehen zu werden. Denn nur unser Stolz kann die Wahrheit über uns sagen, niemals unsere Scham.

Hier kommt das Geheimnis: Echter Stolz von dir auf dich löst sich in sich selbst auf. Solcher Stolz führt uns zu einem besonderen, seltenen, kostbaren Ort: Wir sehen uns selbst. Wir sind durch die Dickichte der Verwirrung, der Zweifel und der Bezichtigungen hindurchgestiegen und wir sehen unser Leben, wie es kein Rätsel mehr für uns ist. Wir sehen unsere Schwächen, unsere Fehler, unsere Todsünden, und sie verlieren ihren Namen. Wir sehen unsere Motive, unsere Wunden und unsere Versuche, uns darin und damit zu bewegen, und unser Hinken macht plötzlich Sinn. Stolz kann uns die Augen öffnen. Scham kann es nicht.

Das Projekt Stolz sollten wir erst beenden, wenn wir, eine Bande wilder Kinder, vor Stolz nur so glühen. Projekte von solchem Kaliber brauchen viel Kraft. Sie brauchen Mut und vor allem eine begeisterte Gruppe von Fans, die dich anfeuert und selbst ins Ziel stürmt. Die können wir bieten. Ich freue mich auf uns.

P.S.: KALI steht uns bei. Sollte uns angst und bange werden vor so viel Anmaßung, dürfen wir in ihren tanzenden Armen Zuflucht finden, und sie wird all unseren menschlichen Untaten einen göttlichen Augenaufschlag schenken. Versprochen.

©Ilan Stephani
www.kalis-kuss.de
www.101milesofsexualhealing.com