Perlen sammeln

Nachdem wir aus dem Paradies gepurzelt waren, kam das Zeitalter der Taubheit, und wir wussten von nichts.

Als uns die ersten Schimmer der Heilung und Freiheit erreichten und unser Herz verbrannte vor Sehnsucht, war es vorbei mit der Taubheit, und zwar ein für alle mal. Wir begriffen, dass wir uns in einem tragischen Gestrick aus Mustern, Verwirrung und Glaubenssätzen selbst gefangen genommen hatten. Ab sofort wollten wir unser eigenes Herz unseren Klauen entreißen und so wurden wir die Füchsin vor ihrem eigenen Bau. Wir belauschten jede unserer Regungen und wir misstrauten jedem Schritt. Denn wir hatten begriffen, dass wir unsere Komfortzone mit unserer Freiheit verwechselt hatten, wir begriffen auch den Preis, den wir dafür bezahlt hatten, und bereuten ihn zutiefst.

Wir wurden gut darin, unser Innenleben abzusuchen nach Widerständen. Wir schnüffelten den Mustern und Themen hinterher, die uns gefangen genommen hatten, und rissen sie schonungslos aus ihren Verstecken. Wie man Kritik an uns übt, das hatten wir ja gelernt, nun wandten wir es an, mit hemmungsloser Bravour, und es führte uns zu wahrer – und heimlicher - Meisterschaft. Noch bevor die Welt zu zwinkern brauchte, wussten wir schon, was unser Thema damit ist. Unsere Tochter treibt uns in den Wahnsinn und wir scannen die eigene Kindheit nach den Ursachen ab. Unsere Mutter erkrankt und wir achten brav auf die Trigger, die wir erleben. Unser Freund geht fremd und wir fühlen, was das mit uns selbst zu tun hat. Wir spüren, dass wir gern mal ausruhen würden, und vermuten, dass es sich dabei um eine Komfortzone handelt. Nichts gegen diesen Mut. Aber lasst uns gemeinsam einen Schritt weiter gehen. Und lasst ihn uns auf den Namen PERLEN SAMMELN taufen.

PERLEN SAMMELN heißt, die ARBEIT an sich selbst zu beenden. PERLEN SAMMELN ist die Stille, in der ich mich selbst an die Hand nehme und aus dem Labyrinth der Anstrengung hinausführe. Hier teilt sich der Weg und wir haben die Wahl: Vorankommen oder Ausatmen. Und ich schnuppere nach den Perlen…

Nicht wahr – eine Lösung, eine Los-Lösung vom Problem kann nicht auf derselben Ebene liegen wie das Problem. Und selbst die Wissenschaft hat sich zu folgender Erkenntnis durchgeschuftet: Der Mensch lernt Leben soviel besser, wenn er sich wohl und sicher fühlt, als wenn er sich anstrengt und Mühe gibt. Vom Sündenfall bis zur Schulbank werden wir also gehirngewaschen, wie es im Buche steht. Wir werden nicht nur ein wenig abgelenkt, sondern um 180° gedreht. Längst ist das ein Irrtum geworden, der sich kollektiv im Nervensystem eingenistet hat: Im Schweiße deines Angesichts sollst du arbeiten. Sprach Gott zu Adam. Ach, wären wir bloß ver-rückt. Aber wir sind ver-kehrt.

Wir haben das Gefühl, man habe uns in einem Gruselkabinett voller Spiegel eingeschlossen. Wie verdächtig leicht es uns fällt, an uns selbst zu arbeiten… Finden wir uns nicht in gewisser Weise immer genau dort wieder, wo wir uns nie wieder wiederfinden wollten: als die treuen Jüngerinnen unserer Anstrengung?

Solange ich für mein „Projekt Freiheit“ die Bereiche beschäftige, die den Käfig selbst verursacht haben, ist fraglich, wie schnell ich vorankommen werde. Ich trotte ja eigentlich unverdrossen nur weiter im Kreis und erzähle mir dazu eine andere Geschichte als die frühere, weshalb ich es täte. Morgen schon werde ich damit durchkommen? Es ist ja aber nie morgen.

Der Clou vom PERLEN SAMMELN unterdes liegt auf der Hand. Sollte ich mich jemals aufmachen, mein Glück zu finden, so sollte ich mich doch die meiste Zeit in der Nähe meiner Findung bewegen und nicht am anderen Ende des Sterns. Oder? Sollte mein bisheriges Leben sich mit Vorliebe in Ängsten und Zwängen aufhalten, so sollte ich ihm doch langsam mal Zustände nahelegen, die meiner Freiheit entsprechen. Ja, ich könnte direkt darauf verfallen, mein Nervensystem zu trainieren, so wie einen Muskel. Ich könnte Wege suchen, um jene Bereiche in meinem Körper zu fordern, die für Lust und Freiheit zuständig sind.

PERLEN SAMMELN ist ein tiefes Umlernen im Nervensystem. Das ist sanft ausgedrückt. Vielleicht ist es auch ein Polsprung plus Erdbeben. Und wie gehen wir das jetzt an? Wir machen uns gemeinsam auf die Pirsch: nach dem, was jetzt schon und unverdient stimmt. Nach dem, was ungerührt funktioniert. Nach dem, was sich anbietet, uns zu bergen, zu nähren, zu halten. PERLEN SAMMELN ist zweierlei: Wir müssen diese Perlen bewusst ermutigen zu glänzen, damit sie durch die schlummernde Kruste unseres Bewusstseins brechen – und dann müssen wir üben, sie zu sehen, für wahr zu halten und wahrhaftig zu erleben. Es klingt unglaublich, aber dagegen werden sich Widerstände melden, für die alles im Zeitalter des Kampfes nur ein Vorspiel war...

Begleiter, Freunde und Liebhaber in diesem Wachsen: unsere eigenen Körper. Die schrecken ja bekanntlich vor nichts zurück. Ich garantiere: Wenn wir gemeinsam dranbleiben, unsere Käfigtüren öffnen zu wollen, dann werden unsere Körper, diese unersättlichen Monster - diese hochkomplexen Glücksmaschinen, sich immer nur noch mehr und mehr in die Freiheit hinein dehnen wollen. Das liegt daran, dass unsere Körper sich selbst liebhaben. Sie sind sich selbst einfach sehr sehr freundlich zugewandt. Sie würden sogar soweit gehen, tagein tagaus glücklich zu sein. Machen wir uns auf was gefasst.

©Ilan Stephani
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