Leben in 3D

Lange Jahre lang kannte ich es nicht, weil es nie geschah. Dann, als es schließlich geschah, kannte ich es nicht, weil ich es weder hätte beschreiben noch erklären können.

Es waren Begegnungen, Berührungen oder Gespräche, in denen mir etwas von der Seele floss, und für einige kostbare Momente vertiefte sich mein Erleben. Es wurde „irgendwie anders“ - als würde von meiner Welt ein dunkler Schleier abgezogen, der Enge und Einsamkeit mit sich nahm.

Gleichgültig, wie selten es geschah und wie wenig ich es kannte, gleichgültig, wie viele Menschen um mich herum in tauber Routine lebten – dies hier war real, und mein Funktionieren war es nicht.

Ich konnte diese Tiefe in meinem Empfinden nicht erzwingen, aber dennoch geschah sie häufiger und drängte sich mir darin auf. Ich legte mich auf die Lauer und bewachte meinen Schlaf, um sein Ende nicht zu verpassen. Ich wollte beobachten, wann es geschah und weshalb es geschah. Ich wollte mich überreden, bei mir zu bleiben.

Was ich da lernte - oder was mich da wiederfand? -, möchte ich in einem Vergleich beschreiben. In dem Wechsel von einem zwei-dimensionalen Bild zu einer drei-dimensionalen Landschaft. (Als welche – nicht wahr – unsere Welt ja eigentlich aufgebaut ist.) In der Sprache einer Traumatherapeutin würde ich es so sagen: Ich hörte auf, unbewusst zu überleben, und begann, darunter wahrhaft zu erleben. Etwas musste meinen latenten Freeze erlösen. Letzten Endes hatte ich große Flächen meines Lebens dissoziiert erlebt, wie ein Bild, einen Film, eine Leinwand: flach und leer. Während ich so viele Farben darauf projizierte, dass es mir multidimensional bunt vorkam.

Nun also war es mit dieser Verwechslung vorbei. Etwas Menschliches im besten Sinne – etwas Körperliches, spürbar Reales musste sich ereignen, etwas in mir musste sich unerwartet gesehen und willkommen fühlen und ich rutschte aus meinem sicheren Abstand zu mir selbst heraus in das unmittelbare und ungefilterte Empfinden meiner Lebens-Landschaft. Ich verlor meine Position, mich selbst zu betrachten, ich verlor die Fixierung auf meine zwei-dimensionalen Ideen und Probleme, und fand mich wieder als räumliches Körperchen, das durch alle Bergwälder und alle Umwege seines Lebens stromern durfte. Dieses neue alte Dasein konnte in die schmale Lücke vor meinem Denken schlüpfen… konnte, mein Erleben fest in seine kleinen Hände geschlossen, mir die Taubheit aus den Poren schütteln.

Ich blinzelte ungläubig ins Licht. Das hatte ich nicht gewusst!

So also sah der Preis aus, den ich gezahlt hatte, um von der Schulbank an zu funktionieren. (Genauer gesagt: Um nicht allzu offensichtlich nicht zu funktionieren.) Das also hatte ich verloren und vermisst in meiner Biographie voll von Leistungen und Potential. Das hatte ich vergessen in den Erwartungen von anderen Jemanden, in denen ich mich verheddert hatte. Das hatte ich verbrannt in den Situationen, in denen jemand hätte dasein sollen…

So entdeckte ich den Fluch unserer Kultur am eigenen Leibe: das Leben zu erleben als einen Film. Durch meine eigene Zeit zu wandern als die Beobachterin, die vielmehr darauf schaut, darin zurechtzukommen, als darin zu baden.

Von dieser Wunde wissen wir alle in unserem Nervensystem. An diesem traurigen einsamen Punkt stehen wir alle gemeinsam: Intensität zu opfern, um uns einzupassen in diese Welt, die eine schön bemalte Leinwand jedem blühenden Chaos vorzieht. Eine Kultur, die meine Lebenskraft zu „Leistung“ machen möchte: Was, wenn nicht diese Zwei-Dimensionalität, müsste sie mir einflüstern? Wir werden es weiterhin „Leben“ nennen, und schon früh, sobald wir die Trauer um unser neugeborenes Staunen vergessen haben, werden wir es für unsere eigene freie Entscheidung halten.

Leben ist nicht Funktionieren. Das wissen wir alle. Aber daraufhin im eigenen Leben tatsächlich weniger zu „funktionieren“ und mehr zu erleben, das ist etwas Anderes. Denn die Weichen, die uns in die Zwei- statt Drei-Dimensionalität geleiten, sind sehr früh gelegt worden, sorgfältig in die Gleisbetten unseres Nervensystems, und – wie wir zu spüren bekommen, wenn wir um die Rückwege ringen – sehr tief. Sie liegen unterhalb unserer bewussten Kraft und sie wurzeln tiefer als der freie Wille. (Noch einmal als Trauma-Forscherin: Zwei-Dimensionalität ist unser aller kollektives-kulturelles Entwicklungs-Trauma.) Während Tiere aus dieser fraglosen Unmittelbarkeit zum Erleben gar nicht rauskommen, kommt der Mensch in seinem grandiosen Funktionieren kaum noch hinein.

Einen Frauenkreis lang – ach, was sag ich: ein Leben lang lasst uns gemeinsam hineinfinden in die Drei-Dimensionalität. Lasst uns ihre Flügel-Tore kennenlernen und ihre Hintertüren, lasst uns diese klugen, intimen Momente sammeln, in denen wir schmelzen und atmen und unsere Flügel in den Himmel heben. Lasst uns unser Denken in Unordnung bringen, bis wir wieder gemeinsam, mit dampfenden Pfoten, auf tiefer, warmer Erde stehen. Bis unser Leben keine Pausen mehr hat.

©Ilan Stephani
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